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WZ_20.06.2020

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Eine Heidenheimer

Eine Heidenheimer Geschichte der Menschlichkeit Wie Familie Kado-Turkmani der Odysseensprung in ein neues Leben glückte 22 SAMSTAG, SamStag, 12. 20. Oktober Juni 2020 2019 222 „Ich musste die Bundesrepublik Deutschland verklagen und habe Recht bekommen“. Ein bisschen stolz ist man da schon, wenn man wie auf den Foto rechts die Familie sieht, die durch eine Odyssee an Widrigkeiten Ihre persönliche Geschichte zu einem guten Ende bringt. Vor ca. 5 Jahren sind Sie angekommen in Ellwangen und Passau – der damals minderjährige Sohn wurde auf der Flucht von der Familie getrennt. Er bekam damals eine Vormundschaft von Gericht bis zur Auffindung der Eltern. Die Zusammenführung hat geklappt. Die Einladung von der BAMF wurde an die falsche Adresse geschickt und der Junge konnte aufgrund von Nichtwissen, den Termin nicht wahrnehmen. Jetzt kommt das Unfassbare „Mohamad bekam einen Brief per Einschreiben und sollte die BRD mangels Mitwirkung binnen 7 Tagen verlassen. Ich habe damals alle Register gezogen und wir mussten die BRD verklagen, dass der minderjährige Junge bei seinen Eltern bleiben kann. Sie können mir glauben, das war ein ganz schlimmes Gefühl – vor allem auch für die Eltern. Die damals schwangere Hannah und Ali habe ich in Steinheim mit Ihren fünf Kindern kennengelernt. Oft habe ich mich gefragt wie schlimm es kommen muss, dass ich nur das nötigste packe und mit den Kindern meine Heimat in eine ungewisse Zukunft zu verlassen. Losgehen, den Tot vor Augen. Durch mein Engagement und der Berichterstattung durch die WochenZeitung kam ich nach Steinheim mit den gesammelten und gespendeten Dingen für den täglichen Bedarf. Eine großartige Welle der Spendenbereitschaft lief über die Wochen- Zeitung an und wir haben wochenlang Abend für Abend Kleider sortiert. Wie durch ein Wunder hat sich ein Haus aufgetan, wo die ganze Familie mit dem erwarteten Nachwuchs unterkam. Hier kann man nur Danke sagen an die Vermieterin deren Vertrauen bis heute nicht enttäuscht wurde. Über den AWO Markt für Gebrauchtes konnte zum Minimalpreis die Wohnung eingerichtet werden. Wir haben gemeinsam Weihnachten gefeiert, schwierige Behördengänge erledigt. Dann wurde das sechste Kind per Kaiserschnitt geholt, wir haben gemeinsam vor Schmerzen geweint und gemeinsam gelacht. Joudi und Tarek mussten beide operiert werden aufgrund von Verletzungen durch den Krieg. Einmal war ich sehr erschüttert, ich bemerkte, dass der kleine Tarek seinen Arm hielt. Ich fragte, hast du etwas. Er sagte erstmal nein. Ich blieb aufmerksam und dann zeigte er mir seinen Arm der großflächige Verbrennungen hatte und keinen Arztbesuch. Ich weiß, dass viele Menschen in dieser Zeit sehr, sehr hilfsbereit waren und auch heute noch sind. Genau aus diesem Grund scheint es mir wichtig, wenn sich Politiker erlauben von „Rasse“ zu sprechen an unsere Mitmenschlichkeit zu appellieren und aufmerksam zu machen gegen jede Form von Fremdenhass. Familie Kado-Turkmani Ob sie in Syrien Handy und Computer gehabt hätten, oder ob im Nahen Osten mit Händen gegessen würde, Messer und Gabel bekannt seien – ab und zu wundert sich Ali Kado-Turkmani über so manche Vorstellung, die ihm in seiner neuen Heimatstadt Heidenheim begegnen. Doch Begegnung findet er gut, wie er sagt. Auch wenn man bei null anfängt. So wie er in Deutschland. Die Stadt an der Brenz ist jetzt ihre Heimat, darüber ist Familie Kado-Turkmani ungeteilter Meinung. Nach einem Tagesausflug beispielsweise merken sie bei der Heimfahrt, dass das echtes Nach-Hause-Kommen ist, sagen sie. „Heidenheim ist meine Heimatstadt,“ kommentiert die elfjährige Joudi selbstbewusst und wischt damit jeden Zweifel weg. Hannah Kado-Turkmani erzählt von der Ankunft vor sechs Jahren in der Anschlussunterbringung in der Oberen Ziegelhütte zwischen Heidenheim und Steinheim. Dabei fällt auf, was den Unterschied für die Kado-Turkmanis bis heute ausmacht. Es gab damals jemanden, der nachgefragt hat, und eine Beziehung, die bis heute geblieben ist. „Wir teilten uns damals » Familie Kado Turkmani Ali arbeitet heute im Service einer Sportgaststätte im Landkreis. Zu seinem Arbeitgeber, den Kollegen und den Gästen beschreibt er ein gutes Verhältnis. Seine Frau Hannah ist zuhause mit sechs Kindern zwischen vier und 18 Jahren. Sie pflegt Kontakte zu Nachbarinnen, trifft sich in Zang und Herbrechtingen zum interkulturellen Austausch mit Kochaktionen und lernt weiterhin die deutsche Sprache. Mohamed Saeed (18), Tarek (14), Joudi (11), Abdullah (8), Leen (5) und Fotos: Familie Kado-Turkmani, Maike Wagner, Daniela Stängle drei Zimmer mit einer zweiten Familie. Das war schwer. Die ersten eineinhalb Monate in Heidenheim gab sich keiner mit uns so richtig ab,“ erinnert sich Hannah. „Maike Wagner war die eine Person, die nachgefragt hat, was wir brauchen.“ Leen war zu der Zeit acht Monate alt. „Als Maike Leen sah, war es sofort um sie geschehen,“ lächelt Hannah. „In den letzten Wochen hat Leen (5) oft nach Maike gefragt. Ich musste ihr sagen, dass man sich wegen Corona nicht besuchen darf,“ sagt Hannah und zeigt Bilder von ihren beiden Mädchen mit Coronamasken. Doch sobald die WochenZeitung ins Haus kommt, ist jede Woche Maike-Zeit. Dann wird nach neuen Bildern von ihr und der Familie durchgeblättert. „Maike hat sehr viel für uns gemacht,“ bestätigt Ali Kado-Turkmani seine Frau. „Sie hat dieses Haus mit Garten über ihren Freundeskreis gefunden, die Möbel, sie hat uns bei der endlos erscheinenden Bürokratie am Anfang unterstützt, als wir noch kein Wort Deutsch konnten. Sie hat uns medizinische Hilfe vermittelt, war bei der Geburt unseres jüngsten Kindes mit im Krankenhaus und uns sogar Katzen besorgt. Maike bedeutet uns sehr viel. Sie hat ein gutes Herz und gehört zur Familie, sagt Ali Kado-Turkmani. Eine lange Odyssee Familie Kado-Turkmani war damals schon fast zwei Jahre unterwegs, weg von Syrien. „Wir haben nach Frieden und Sicherheit gesucht,“ berichtet Ali Kado-Turkmani. Tim (4) bewegen sich altersentsprechend in der neuen Sprache sicher – durch den tagtäglichen Austausch oder das Spielen mit Freunden, die Begegnung mit Schulkameraden, durch den Unterricht. Tarek ist Klassenbester in Deutsch und Musik, obwohl er wegen Asthmas und einer schmerzhaften, chronischen Hüfterkrankung nicht immer zur Schule kann. Mohammed Saeed lernt im Moment auf seinen Realschulabschluss. Sein früher Wunsch nach einer Bildungsperspektive brachte die Eltern dazu, ihn als Zwölfjährigen während ihres Jahres in der Türkei dem besten Freund anzuvertrauen, der zu seiner Familie nach Deutschland unterwegs war. Um Menschenhändlern zu entkommen, die wegen Mohamed Saeeds „Reise“ nach Deutschland mehr und mehr Geld von Ali und Hannah zu erpressen versuchten, brach die Familie wenige Monate später ebenfalls nach Deutschland auf.

SamStag, SamStag, 12. 20. Oktober Juni 2020 2019 232 » Syrien „In Syrien hatten wir Angst vor der Hisbollah und vor bewaffneten Gruppen der syrischen Miliz. Wir wurden ohne Respekt angeschrien. Ich hatte Angst, dass den Kindern auf dem Schulweg etwas geschieht. Wir haben auch Verwandte und Freunde durch Anschläge verloren,“ Alis Augen werden feucht. „Meinen Bruder.“ Bewaffnete entführten auch den damals zehnjährigen Mohamed Saeed, um Lösegeld von der wohlhabenden Unternehmerfamilie zu erpressen. Das Militär habe damals die finanziellen Mittel zur Aufrüstung durch solche Vergehen erworben. Zwei Autos musste Ali an Beamte zwangsüberschreiben. Die Unternehmensräume des Kado-Turkmani Autohandels und deren Restaurant wurden zerstört. „Sie wollten uns die Mittel nehmen, damit wir zu ihnen überlaufen und ich zur Armee gehe,“ erzählt der vormals zweifache syrische Unternehmer. In der Vergangenheit sei Syrien ein schönes Land gewesen. Hannah zeigt Hochzeitsbilder auf ihrem Handy. Bilder von der Mutter, ee den Kindern. Ali scrollt nach Fotos ar von den zwei neuen Autos, die ihm weggenommen wurden. Heute fährt hre er ein Gebrauchtes oder einen Dienstwagen bei Bedarf. Bevor er die Arbeit en. und im Landkreis Heidenheim fand, hat er für die achtköpfige Familie ohne Auto eingekauft. Ali Kado-Turkmani ist ani. Typ1 Diabetiker. Einmal kam er beim Einkaufen ohne Auto in den Unterzucker. Einem Mann, der jetzt zu Alis Freundeskreis gehört, sei dies aufgefallen. Er habe ihn mitsamt dem Einkauf nach Hause gefahren. Ohne Bitte und Aufforderung. „Ich habe alles verloren. Langsam, langsam arbeite ich mich wieder vielleicht wieder hoch,“ lächelt Ali Kado-Turkmani hoffnungsvoll. » Libanon Als sich die Lage weiter zuspitzt, verlassen die Kado-Turkmanis die syrische Hauptstadt in einer Nacht Hals über Kopf mit dem Taxi. Kurz zuvor waren sie noch zur Familie nach Damaskus gezogen. Ihnen ist egal, wohin, Jordanien, Libanon. Hauptsache weg. Im Libanon bleiben sie etwa ein Jahr. Wohnen anfangs in einer Garage. Finden Wohnung und Arbeit. Wollen sich niederlassen. Doch viele Libanesen haben den Syrien-Libanon-Krieg noch nicht vergessen, sind der syrischen Familie nicht wohlgesonnen. Das Leben ist vergleichsweise teuer. Ali vierdient als Nicht-Libanese weniger. Die medizinische Versorgung für Ali und Tarek scheinen langfristig nicht tragbar. Als es auch im Libanon zu Anfeindungen durch eine Terrorgruppe kommt, ziehen die Kado-Turkmanis in die Türkei. » Extremerfahrung Flucht Während die jüngeren Kinder der Familie sich beim Spiel im Garten austoben, den roten Kater streicheln und auf Bäume klettern, sitzt der älteste Sohn Mohammed Saeed mit den Eltern am Gartentisch. Er erzählt von seiner Entführung durch eine syrische Miliz und wie mit fünf anderen von Griechenland nach Mazedonien die Nacht durchrannte, um nicht vom Grenzschutz gefasst zu werden. So eine Aktion sei nur in einer Kleingruppe möglich gewesen. Doch in größeren Gruppen war es sicherer. Auf dem Weg hatten ihnen auch verbrecherische Banden aufgelauert. „Deshalb war ich bei kilometerlangen Fußmärschen meistens in größeren Gruppen unterwegs. Wir haben in kalten Märznächten an Bahngleisen entlang im Graben geschlafen, um nicht entdeckt zu werden, “ berichtet Mohamed Saeed. Obwohl er erst in Serbien angelangt sei, hätten die Menschenhändler seiner Familie in der Türkei gesagt, er sei schon in Frankfurt angekommen und hatten von ihnen noch mehr Geld erpresst. Von Schleusern teuer vermittelte Unterkünfte. Wartezeiten auf die nächste Schleuseraktion. Teure Fahrten. In Passau wurde Mohamed Saeed dann vom Familienfreund getrennt. Trotz Baby machten sich die Eltern daher so schnell als möglich auf den Weg. Ohne Medikamentenzugang auf dem Fluchtweg kamen auch Ali und Hannah mit den Kindern an lebensbedrohliche Grenzerfahrungen. Nachtmärsche mit schwerem Gepäck und zwei Kindern auf dem Arm bei gleichzeitiger Diabetesentgleisung. Ali erzählt, wie er in einem serbischen Krankenhaus geschlagen wird, auch die Kinder und seine Frau. Wie er von der Familie getrennt wird und eine Klinkmitarbeiterin ihn heimlich mit einem kleinen Insulinvorrat in Sicherheit bringt. Wie ein Unbekannter ihn und seine Familie unentgeltlich nach Österreich fährt, als er schon lange nicht mehr kann. Über die LEA in Ellwangen seien sie Heidenheim zugeteilt worden. » In Heidenheim angekommen „Jetzt fühlen wir uns unabhängiger als früher und finden uns in Deutschland gut zurecht. Wir können uns auch innerhalb der Familie gegenseitig aufeinander verlassen. Maike ist für uns dabei wie ein Familienmitglied geworden, sind sich die Kado-Turkmanis einig. Was früher Hilfe war, ist heute gleichberechtigte Beziehung und zu einem Geben und Nehmen geworden. „Gott sei Dank haben wir gute Leute kennengelernt,“ sagt Ali Turkmani. Nach einer Odyssee mit vielen Ängsten und Gefahren fühlen sich die Mitglieder der Familie endlich wieder sicher und zuhause. Von Griechenland nach Mazedonien durchrannte, angsterfüllte Nächte sind vergessen. Wettrennen gibt nur noch im friedlichen Spiel im Garten und auf der Gasse mit Spielkameraden. Im Krieg und auf der Flucht sind den Kado-Turkmanis sowohl Ausbeuter also auch Retter begegnet. Doch die Liebesakte der Menschlichkeit haben letztlich gewonnen. Tarek hat eine schlimme Kriegsverletzung, die er einfach so hinnimmt.

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