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WZ 06.02.2021

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SamStag, 6. Februar 2021

SamStag, 6. Februar 2021 18 Wohnungsdrama mitten im Integrationserfolg Wie sich bereits errungene Integrationserfolge und der bedingungslose Einsatz für Mitmenschen auswirken können. Eine Heidenheimer Geschichte. Mit ihren handschuhbedeckten Fingerchen zeichnet die 11-jährige Tochter K.* ein großes Herz in den glitzernden Januarschnee. Sie winkt mit ihrem typisch geheimnisvollen Lächeln zu sich. Der Name „Maike“ steht inmitten des Schneeherzens. Etwas verhalten erklärt das Mädchen „das habe ich für Tante Maike gemacht, ich vermisse sie!“ Die verspielte Fellkapuze ihrer Winterjacke schmeichelt ihrem Gesicht. Die vergangenen Jahre waren für die Tochter, ihre Eltern und die fünf Geschwister nicht immer einfach gewesen. Knapp dem syrischen Bürgerkrieg entflohen, waren sie durch systemische Unterstützung und den großen Einzeleinsatz vieler Menschen wie dem Maike Wagners (Teamleitung der WochenZeitung Heidenheim) vor fünf Jahren sicher in einem Heidenheimer Mietshaus angekommen. Ende Dezember 2020 hätten sie um ein Haar ihre neue Heimat wieder verloren. Wegziehen aus der guten Nachbarschaft, in der die Kinder Spielkameraden gefunden und die Eltern und älteren Söhne tragfähige Freundschaften aufgebaut hatten. Der Umzug ins Nirgendwo hatte gedroht. Mitten im Winter, zu acht. Seit der Mietkündigung im Juli war ihre Wohnungssuche erfolglos geblieben. Herr K. schippt den Schnee auf dem schmalen Weg zwischen den am Hang gelegenen Wohnhausreihen zur Seite. „Wir sind froh und glücklich, dass wir hierbleiben können,“ sagt Herr K.. Die Erleichterung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Vor genau einem Jahr hatte alles begonnen. Im Januar 2020 gelingt Herr K. durch die bereits seit einem halben Jahr ausgeübte Vollzeitbeschäftigung in der Gastronomie die Abnabelung von den zu Beginn ihrer Integration in Heidenheim bezogenen SGB II Leistungen. „Ich will unabhängig von SGB II Leistungen für meine Familie sorgen können,“ bekräftigt Herr K.. In Syrien hatte er ein selbst aufgebautes Kleinunternehmen geführt. In einem weiteren Schritt beantragt er im Januar 2020 Wohngeld und Kinderzuschlag, die der Familie ohne SGB II zustehen. Der Zeitpunkt der Bewilligung der neuen Leistungen fällt mit dem Aufkommen der Corona-Pandemie im März 2020 zusammen. Durch die pandemiebedingte Antragsflut auf das Jobcenter im April 2020 verzögert sich die notwendige Bestätigung für die Wohngeldbehörde, dass Familie K. keine SGB II Leistungen mehr erhält. Dies führt zum Ausbleiben der notwendigen Zahlung des eingeplanten Wohngeldes für die Miete ab Mai 2020; den die Grundsicherung der SGB II Leistungen ist seit April eingestellt. Familie K. bleibt ihrer Vermieterin die Miete von Mai an vier Monate lang schuldig, da die benötigten Unterlagen aufgrund des Antragssturms auf die Ämter erst im August vorliegen werden. Das Integrationsmanagement der Stadt Heidenheim agiert als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Behörden, Familie K. und der Vermieterin. Fotos: Maike Wagner, Daniela Stängle In Etappen verschiebt sich die anfangs für Mitte Juni vermutete Auszahlung von Wohngeld und Kinderzuschlag jeweils um wertvolle Wochen nach hinten. Auch Stromrechnungen und Ratenzahlungen kann Familie K. nicht mehr begleichen. Nachbarn und Freunde unterstützen die Familie bei der Erstellung eines Kostenspar-plans. Die Lage spitzt sich noch weiter zu, als Familie K. Ende Juli der Mietvertrag gekündigt wird und die Vermieterin eine dreimonatige Auszugsfrist setzt. „Ich war völlig verzweifelt,“ erzählt Herr K. „Wir haben alles getan, um Schritt für Schritt selbstständig zu werden. Wir konnten uns nicht vorstellen, hier wieder wegzuziehen.“ Frau K. stimmt ihrem Mann zu: „Die Kinder haben in der Schule und in der Nachbarschaft Freunde gefunden. Wir sind hier zuhause. Die Mietkündigung war schlimm für uns.“ Herr K. setzt Maike Wagner von der Kündigung in Kenntnis. „Maike hat uns schon so oft geholfen,“ sagt Herr K..

SAMSTAG, 6. Februar 2021 19 Maike Wagner erfährt im Juli 2020 während ihres Urlaubs von der Mietkündigung und versucht sofort alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit Familie K. im ihrem Miethaus bleiben kann. Sie kontaktiert das Sekretariat des Oberbürgermeisters, die Integrationsstelle, das Jobcenter, die Vermieterin. „Aus den Anrufen ging hervor, dass es sich um eine formalbürokratisch Angelegenheit handelte. Es fehlte das Dokument eines Amtes für ein anderes. Ich hätte fast meinen Urlaub abgebrochen,“ berichtet Maike Wagner, bei dem Gedanken an die Geschehnisse noch immer entsetzt. „Wenn eine achtköpfige Familie zum Monatsende auf der Straße steht, ist das ein gewaltiger Vorgang!“ Auf Maike Wagners Engagement hin verlängert die Vermieterin nochmals die Auszugsfrist; Die involvierten Ämter treten in direkten Kontakt, sodass alle Anforderungen für die Auszahlung zügig erfüllt werden können. „Mitausschlaggebend für die Kündigung war, dass ich selbst auf die Mieteinnahme angewiesen war und bei zuerst viermonatigem Ausbleiben der Miete von amtlicher Seite erfuhr, dass ab Oktober erneute Anträge zu stellen seien und eine erneute Verzögerungssituation zu erwarten sei, ebenso wie nochmals ab Januar,“ erinnert sich die Vermieterin rückblickend. Sie überlässt Familie K. das Mietshaus zu sehr günstigen Konditionen, da sie sich in der gesellschaftlichen Mitverantwortung sieht. Als Freiberuflerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern wird die Mieteinnahme während der Pandemie zu ihrer Haupteinnahmequelle. „Mir konnte keine Sicherheit für Mietnachzahlungen oder Auszahlungen geboten werden. Dennoch gewährte ich bei der Kündigung eine dreimonatige Auszugsfrist.“ Im August 2020 kann Familie K. Miete und Mietschulden durch die Auszahlung des Wohngeldes begleichen. Die Mietkündigung bleibt bestehen. Familie K. sucht erfolglos nach einer Wohnung und gelangt im Oktober erneut in Mietverzug. Bei erneuter Antragsstellung auf Wohngeld und Kinderzuschlag treten wieder Verzögerungen auf und die Auszahlungen des Wohngeldes werden im November wieder eingestellt, da ein Sohn der Familie K. im Sommer zur Unterstützung der Familie einen Ferienjob angenommen hatte. Familie K. versucht daraufhin, die Miete „ ...manchmal könnte auch ein Optimist wie ich den Glauben verlieren. Und die Frage warum helfen so schwierig ist stellt sich dann. Ich habe mir schon oft gedacht, was machen also die vielen Menschen, die nicht auf Kontakte zurück greifen können, wenn sie Hilfe brauchen? Ein neuer Tiefschlag war im Sommer 2020, dass acht liebe Menschen wegen „formalbürokratisch können wir das nicht“ auf die Strasse gesetzt werden können. Für alle die helfen ein Schlag ins Gesicht! Eine völlig unnötige Kündigung die darauf basiert, dass ein Formular seinen Adressat noch nicht erreicht hat.“ Gott sei Dank ging nach einem halben Jahr doch noch alles gut aus. Die emotionale Belastung der Familie unfassbar! Das ausgeliefert sein an einen formalbürokratischen Verwaltungsakt hat mich sehr nachdenklich gestimmt. eigenständig zusammenzubringen. „Ich habe meine Freunde in der Nachbarschaft um Hilfe gebeten, dass sie mir Geld für die Miete leihen.“ Die Vermieterin setzt eine letzte Auszugsfrist bis Ende Dezember. Anfang Dezember 2020 scheint die Lage ausweglos. Familie K. wendet sich mit dem Integrationsmanagement an Maike Wagner, um die bisher erfolglose Wohnungssuche durch die WochenZeitung zu unterstützen. Maike Wagner formuliert in ihrem Wort den Weihnachtswunsch, dass die Familie in der Wohnung bleiben kann. Mitte Dezember 2020, kurz vor Einreichen einer Räumungsklage, erhält die Familie den rettenden Vorschlag eines befreundeten Ehepaares, wie das Mietverhältnis bestehen bleiben kann. Die Vermieterin akzeptiert den Bürgschaftsvorschlag und setzt einen neuen Mietvertrag auf. „Ich bin froh, dass eine befreundete Familie der Familie K. sich vertraglich zu einer dreimonatigen Bürgschaftsleistung für die Mietzahlung bereiterklärt hat,“ teilt die Vermieterin die Erleichterung der Familie K.. „Ich bin meinen Freunden, der Vermieterin und Maike sehr dankbar, dass wir durch sie viel Hilfe erfahren haben,“ sagt Herr K. „Wir sind glücklich, dass wir in unserem Zuhause bleiben können. Meine Schulden bei Freunden habe ich fast alle wieder zurückgezahlt.“

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